Editionen + Dokumentationen - Band 5


»Transformationen von Ehre. Ehrkonzepte, Ehrkonflikte und Ehrminderung im Kontext von Recht (15. bis 20. Jahrhundert)«. - Sylvia Kesper-Biermann / Ulrike Ludwig / Alexandra Ortmann (Hrsg.)


Das Buch

Ankündigungstext
Ehre und Konflikte um Ehrverletzungen galten lange Zeit als typische Phänomene der Vormoderne. Inzwischen zeichnet sich jedoch ab, dass Ehre bis weit in die Moderne eine zentrale Rolle spielte. Aber so unumstritten Ehre eine zentrale Kategorie der historischen Forschung ist, so umstritten oder zumindest schwer fassbar ist die inhaltliche Bestimmung dieser Kategorie. Salopp ließe sich sagen, dass Ehre immer im Auge des Betrachters lag und dem entsprechend vielfältig war (wobei die Selbstbeobachtung nicht ausgeschlossen ist).
Ehre kann daher als äußerst flexibles System von wechselseitig wirkenden Selbst- und Fremdzuschreibungen begriffen werden. Aus diesem Blickwinkel tritt damit neben die Frage nach den konkreten Inhalten dieser Zuschreibungsprozesse die nach den kommunikativen Rahmenbedingungen.


Ziel des Sammelbandes ist es, in das Dickicht von Variationen eine erste Schneise zu schlagen. Dazu wird Ehre aus der Perspektive des (Straf-)Rechts und als Phänomen ‚langer Dauer’ in den Blick genommen. Dem diachronen Ansatz entsprechend, werden in den Sektionen jeweils Beiträge der Vormoderne und Moderne vereint. Drei zentralen Themenkomplexen wird dabei nachgegangen:

Erstens stellt sich die Frage, welche Konzeptionen von Ehre und Ehrverletzungen in den Gesellschaften der Vormoderne und Moderne bestanden. Die verschiedenen Entwürfe von Ehre, ihre zeitspezifische Konstruktion und ihre Verankerung in den jeweiligen Rechtssystemen eröffnen den Blick auf die Vielfalt des Phänomens Ehre.

Zweitens sollen Formen der Auseinandersetzungen um Ehre betrachtet werden, wodurch verschiedene Bedeutungsebenen von Ehrkonflikten sichtbar werden. Von besonderem Interesse ist hierbei die Funktion von Ehrkonflikten als Mittel der gezielten und begrenzten Eskalation im Rahmen des dispute process. Diese Perspektivierung verlässt die Oberfläche der ausgetragenen Konflikte und ermöglicht eine Einbettung der Kategorie Ehre in gesellschaftliche, gruppenspezifische und individuelle Sinnzusammenhänge.

Im Fokus des dritten Teils steht schließlich die Ehrminderung und insbesondere das Phänomen der Entehrung als Strafe. Entehrende Strafen folgen der Logik von Ehrkränkungen. Sie können als deren konzeptionelle Entsprechung im Recht begriffen werden, denn die Ehrminderung kann nur dann funktionales Element eines Sanktionssystems sein, wenn die Ehre einer Person Ergebnis eines Zuschreibungsprozesses und Form sozialer Anerkennung ist. Offizielle ‚Entehrungen‘ machen also immer auch sichtbar, welche Funktionen Ehre innerhalb der untersuchten Gesellschaften zukam.

Das Überschreiten der Epochengrenze ermöglicht es danach zu fragen, wann grundsätzliche Veränderungen historisch wirklich dingfest zu machen sind und wann persistente Vorstellungen lediglich mit veränderten Begriffen sprachlich neu gefasst bzw. umgedeutet wurden – ohne dass dem ein Wandel im Verhalten folgte. Angesichts der Vielgestaltigkeit von Ehrformen und ihrer Thematisierung im und durch das Recht ist dabei zu fragen, an welchen Punkten weniger von Wandel oder Kontinuität sondern von einer Gleichzeitigkeit ganz unterschiedlicher Phänomene gesprochen werden sollte.

Hervorgegangen ist die Idee zu diesem Sammelband wie auch der Großteil der Beiträge aus der Tagung „Ehre und Recht“, die im Mai 2009 als Jahrestagung des Arbeitskreises Historische Kriminalitätsforschung in Stuttgart-Hohenheim stattfand.